Langzeitkontrolle des Dickmaulrüsslers in Containerbaumschulen

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Langzeitkontrolle des Dickmaulrüsslers in Containerbaumschulen

Hintergrund und Lebenszyklus

Der Dickmaulrüssler (Otiorhynchus sulcatus) ist in Großbritannien eine weit verbreitete und ernstzunehmende Gefahr für Containerbaumschulen sowie Obstund Zierpflanzenbaubetriebe (z. B. bei Cyclamen). Ursprünglich stammt der Dickmaulrüssler aus Höhenlagen in Zentraleuropa und hat sich mittlerweile in ganz Europa ausbreitet. Die am stärksten betroffenen Länder sind Deutschland, die Niederlande, Frankreich, Belgien sowie Teile von Dänemark und Norwegen. In den letzten Jahren nahm die geografische Ausbreitung zu, mitunter durch den Handel infizierter Pflanzen innerhalb Europas. Der Dickmaulrüssler wurde durch Pflanzenmaterial von Europa in andere Regionen dieser Welt exportiert und entwickelt sich auch in den USA, Japan, Südwest-Australien, Tasmanien und Neuseeland zu einer ernst zu nehmenden Bedrohung.

Nur ein einziger Dickmaulrüssler ist für einen neuen Infektionsherd ausreichend. Alle adulten Dickmaulrüssler sind weiblich, männliche Exemplare wurden bisher nicht festgestellt. Die Weibchen können ohne vorherige Befruchtung innerhalb von 3 Monaten über 1.200 fruchtbare Eier legen. Der Lebenszyklus variiert je nach klimatischer Bedingung. Die Eier werden auf der Substratoberfläche oder unter Torf- bzw. Rindenteilchen abgelegt. Die Eiablage erfolgt normalerweise von Anfang Juli bis Mitte September im Freien. Dieses Schema kann unter Glas oder Folie stark abweichen, so dass alle Stadien eines Lebenszyklus ganzjährig gefunden werden können. Nach ca. 7–10 Tagen schlüpfen 2–3 mm lange Larven, die zum Überleben schnell faserige Wurzeln finden müssen.

Die Larve ernährt sich bis zur vierten Häutung von Wurzelmaterial. Mit zunehmender Größe steigt der Nahrungsbedarf, sodass immer stärkere Wurzeln zur Ernährung benötigt werden. Über den Winter wird die Nahrungsaufnahme eingestellt. Da die Larven über ihr eigenes Frostschutzmittel verfügen, können sie auch Frost überstehen. Mit der Temperaturzunahme im Frühjahr setzt die Fraßtätigkeit wieder ein. Nach einem letzten Larvenstadium verpuppen sich die Larven, und die neue Käfer-Generation kann ab Anfang Juni im Freiland angetroffen werden.

Schäden an Kulturen und erste Symptome

Ausgewachsene Dickmaulrüssler greifen auch Pfahlwurzeln, beispielsweise von Pfingstrosen, an oder dringen in Knollen von Cyclamen ein. Ausgewachsene Larven können am Wurzelhals durch vollständiges Abfressen der Rinde großen Schaden anrichten. Häufig führt der Befall zum Absterben der Pflanze. Ein paar wenige Larven reichen nicht immer aus, um Pflanzen vollständig zu zerstören. Die Leistungsfähigkeit der Pflanze ist jedoch stark beeinträchtigt. In Großbritannien ist die Präsenz von Larven für Großhändler, Wiederverkäufer (z. B. Gartencenter) und Landschaftsbaubetriebe inakzeptabel. Man spricht von einer Nulltoleranz-Politik. Das gleiche gilt für Jungpflanzenbetriebe. Bei nur wenigen Larven im Topf/Container kann eine Pflanze völlig gesund aussehen. Dies hat zur Folge, dass das Problem und die daraus resultierenden Langzeitschäden unterschätzt werden. Häufig werden infizierte Pflanzen über den Handel zwischen Baumschulen, Landschaftsbaubetrieben oder Endverbrauchern in neue, bisher nicht betroffene Gebiete verbreitet. Aus diesem Grund wird in Großbritannien vom „Trojanischen Pferd“ der Baumschulen gesprochen. Larven können sich überall im Topf/Container befinden: nah an der Substratoberfläche, im Wurzelballen oder in der Nähe des Topfbodens. Gießbehandlungen mit Pflanzenschutzmitteln (bitte aktuelle Zulassungssituation beachten) sind deshalb sehr schwierig, kostspielig und darüber hinaus zeitaufwendig.

Wirtspflanzen

Der Dickmaulrüssler kann viele verschiedene Kulturen wie Sträucherarten, Gräser, alpine Stauden und Topfpflanzen befallen. Einige Kulturen wie Euonymus und Taxus werden von adulten Tieren besonders bevorzugt. Typisches Erkennungszeichen sind die als „Buchtenfraß” bezeichneten Fraßschäden an den Blatträndern betroffener Kulturen. Andere Kulturen wie Sedum und Heuchera werden eher von Larven befallen, und es wird angenommen, dass diese Kulturen für die Eiablage bevorzugt werden, nicht aber für die Ernährung adulter Käfer.

Anfällige Kulturen

Rhododendron, Fuchsia, Euonymus, Weigelia, Cornus, Prunus, Taxus Azalea, Pieris und viele Staudenarten wie zum Beispiel Heuchera, Heucherella, Tiarella, Hosta und Astilben werden am häufigsten befallen. Nur von wenigen Kulturen ist bekannt, dass diese nicht vom Dickmaulrüssler befallen werden. Die Gattung Euphorbia ist eine davon.

Verhalten adulter Tiere

Adulte Dickmaulrüsslerkäfer sind Nachtschwärmer und verstecken sich am Tage unter Pflanzenabfällen, unter Töpfen/Containern, Trays und Matten. Dies erschwert das Feststellen eines Befalls überhaupt sowie die Ausbreitung im Bestand zu lokalisieren und zu quantifizieren. Die Käfer neigen nicht dazu, größere Wegstrecken zurückzulegen, es sei denn, sie werden gestört. Dann kann die befallene Fläche deutlich zunehmen. Adulte Tiere sind recht große Insekten mit 6 bis 11 mm Länge und ausgesprochen schwer, mit Insektiziden zu bekämpfen.

Bekämpfungsmaßnahmen

Insektizide in Substraten In Großbritannien ist die verbreitete Philosophie zur Bekämpfung des Dickmaulrüsslers die Einmischung von Insektizid-Granulaten in Substrate. Gründe für diese bevorzugte Methode:

  • Das Insektizid wird vor dem Topfen als Granulat dem Substrat beigemischt. Weitere Bekämpfungsmaßnahmen gegen den Dickmaulrüssler sind meist nicht mehr notwendig. 
  • Diese Methode schützt ebenfalls gegen weitere saugende Insekten, wie Blattläuse und weiße Fliegen, da das Granulat auf Basis systemisch wirkender Insektizide aufgebaut ist.
  • Das Insektizid ist im Topf konzentriert, wodurch Auswaschungsverluste deutlich reduziert werden und eine geringe Umweltbelastung zu erwarten ist.
  • Die Kontrolle der Larven im frühen Stadium durch die Aufnahme des Wirkstoffes bei der Nahrungsaufnahme minimiert die Schäden an den Wurzeln.
  • Abhängig von dem eingesetzten Wirkstoff kann ein Schutz gegen den Dickmaulrüssler für bis zu zwei Jahre erzielt werden.
  • In der Hauptsache werden Substrate mit dem jeweiligen Insektizid fertig gemischt vom Substratlieferanten geliefert, so dass der Kultivateur keinen zusätzlichen Aufwand hat und direkt mit dem Topfen beginnen kann. Einige Anbauer in Großbritannien haben ihre eigene Substratrezeptur und mischen das Insektizid selbst ein. Das korrekte Einmischen ist sehr wichtig für eine gute und effektive Wirkung bzw. Kontrolle des Dickmaulrüsslers.
  • Sobald das Granulat in das Substrat eingemischt ist, sind die Risiken, aufgrund der Verdünnung im Substrat, minimal.

 

Hauptprobleme der Bekämpfung von Dickmaulrüsller-Käfer:

  • Rechtzeitige Wahrnehmung der Käfer, bevor Blattschäden auftreten.
  • Die Eiablage erfolgt meist, bevor die ersten Käfer wahrgenommen werden. Aufgrund nächtlicher Aktivitäten der Käfer müssten Pflanzenschutzmaßnahmen nachts durchgeführt werden.
  • Die lange Flugperiode (Juni bis Oktober) zieht mehrere Behandlungstermine nach sich. Das ist eine zeit- und kostenintensive Maßnahme.
  • Für einen guten Bekämpfungserfolg sind hohe Wassermengen notwendig. Dies führt zu einer größeren Umweltbelastung. Nutzorganismen werden dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen.
  • Eine regelmäßige und intensive Beobachtung der Kulturen ist für einen Erfolg Grundvoraussetzung.

Bekämpfung der Larven im Substrat durch Gießbehandlungen

Bei dieser Methode wird gezielt auf einen Befall reagiert, sobald Larven gefunden werden und sofern es die Witterungsbedingungen erlauben. In Großbritannien können Insektizide oder insektenpathogene Nematoden zum Einsatz kommen. Für Deutschland und Österreich müssen für solche Anwendungen die Zulassungssituationen geprüft werden. Es ist zu erwähnen, dass oft Pilzpräparate mit einer Nematoden-Behandlung kombiniert werden. Dazu werden gezielte Gießbehandlungen durchgeführt.

Auch wenn diese Methode effektiv sein kann, hat sie doch einige Nachteile:

a) Für einen effizienten Einsatz sind große Mengen Wasser notwendig. Bei Insektiziden sind mindestens 20 % des Topfvolumens notwendig. Für einen 3-Liter-Topf zum Beispiel bedeutet dies 600 ml, also 600 Liter bei 1.000 Containern. Dies ist sehr zeit- und kostenintensiv. Zudem ist die Umweltbelastung durch Overdrain (Überschusswasser) sehr groß. Beim Einsatz von pflanzenpathogenen Nematoden ist diese Gefahr zumindest nicht gegeben.

b) Anwender sind bei einer Gießbehandlung mit Insektiziden Risiken ausgesetzt und sollten eine entsprechende Schutzausrüstung tragen.

c) Ein einmaliger Einsatz von insektizider Lösung reicht oft nicht aus, um über die gesamte Wachstumsperiode einen Schutz gegen den Dickmaulrüssler zu erzielen und muss daher meist wiederholt werden.

d) Zum Zeitpunkt der Gießbehandlung sind bereits mehr oder weniger starke Wurzelschäden vorhanden, und die Beurteilung, ob nur Teile oder der gesamte Bestand behandelt werden sollen, ist schwierig. 

Zusammenfassung

Der gefürchtete Dickmaulrüssler ist in Großbritannien nach wie vor der ärgste Schädling in Containerbaumschulen. Durch die seit vielen Jahren in Großbritannien vorhandene Möglichkeit, hochwirksame Insektizide in Substrate einzumischen, hat sich der Befallsdruck deutlich reduziert. Um diesen „Status Quo“ zu erhalten, wird diese Schutzmaßnahme von britischen Baumschulen konsequent eingesetzt, weil die meisten Alternativen deutliche Nachteile aufweisen. Wenn europäische Anbauer diese Technik der Dickmaulrüssler-Kontrolle annehmen würden, könnten vorhandene Probleme bei dieser Schädlingsbekämpfung stark abnehmen.